www.felix-bloch-erben.de

Imperativ Präsens

(L'impératif présent)
von Michel Tremblay

Deutsch von Andreas Jandl
2H

frei zur DSE

Claude besucht seinen sterbenden Vater im Pflegeheim. Er trifft auf einen an den Rollstuhl gefesselten lebenden Leichnam, der weder sprechen noch sich bewegen kann. Da das Pflegepersonal überfordert ist, pflegt er ihn. Doch wie kann er Zugang zu diesem traurigen und intimen Leben eines Menschen finden, der seine Autonomie verloren hat? Wie soll er diesen ehemals autoritären und stolzen Körper waschen? Wie diesen rebellischen Bart rasieren, der trotz dieses leblosen Wesens, das ihn trägt, wächst? Wie soll er die Windeln wechseln, das Geschlecht einseifen und säubern, für das er, weil es ihn gezeugt hat, Verachtung empfindet? Claude spricht und spricht zu diesem leblosen Körper, der einmal sein Vater war und dessen Haß zum Motor seines eigenen Lebens und seines literarischen Schaffens geworden war. Millionenfach Nicht-Gesagtes während der vergangenen Jahre bricht aus ihm heraus. Die Gegenwart wird zum Imperatif. Sein Monolog ist eine unerbittliche Abrechnung mit diesem verhaßten Vater, doch zugleich wirken diese Anschuldigungen wie eine notwendige, verzweifelte und unbeholfene Liebeserklärung.

Im zweiten Teil sind die Rollen vertauscht. Jetzt ist Claude im Pflegeheim, im selben Zustand wie sein Vater im ersten Teil. Und jetzt ist es der Vater, der ihn pflegt und in einem anklagenden, verbitterten Monolog mit dem ungeliebten Sohn abrechnet.

Ein berührendes Stück über eine Vater-Sohn-Beziehung, einmal geschildert aus der Sicht des Sohnes, einmal aus der Sicht des Vaters.